Helmut Herden, Urgestein aus Schlegel, Erlebnisse ab 1935 bis zum 27. Mai 1957 in seinem Heimatdorf

►Autobiographie von: Helmut Herden geboren am 16. Februar 1929 in Schlegel/Grafschaft Glatz:

Helmut Herden

Ich habe in meinem Leben sehr, sehr viel erlebt, wahrscheinlich mehr, als manch ein Anderer, vor allem in der Heimat Schlegel. Was ich heut erzähl, stimmt wirklich alles, auch wenn man es kaum glauben mag. Schon als Kind habe ich sehr viel Mut gehabt und bewiesen; mir viel erlaubt, viel gewagt. Ich habe riesiges Glück gehabt in meinem Leben, so dass ich froh sein kann, überhaupt noch am Leben zu sein. Aus heutiger Sicht war ich sehr waghalsig, frech und habe mir nach Möglichkeit nichts bieten lassen, aber ich hatte auch sehr, sehr viel Angst in meinem Leben.

Als ich ein kleiner Bub war und noch nicht zur Schule ging, spielte ich oft auf der Hofebrücke; diese war so ungefähr 100 m vom Elternhaus entfernt. So war es auch an diesem Tag, ich hüpfte auf dem Absatz den Sims entlang, da kam ein Auto gefahren, ein Auto war zur damaligen Zeit eine Seltenheit. Das Auto hielt direkt vor mir, eine Frau saß am Steuer und die Tür ging auf, da sprang Friedrich, Herbert raus. Die Frau fragte mich: „Kennst Du den?“, ja, meinte ich, das ist mein Freund, er ist taubstumm. Sie meinte: „Der ist doch nicht ganz richtig, aber du tätst mir gefallen. Wohnst du hier und habt ihr eine Landwirts chaft?“ Ja, ich wohne gleich hier vorn. Sie sagte: „Weißt du was, ich geh mit zu deiner Mutter, vielleicht kann sie mir etwas zu Essen machen.“ Ich nahm die Frau mit nach Hause und meine Mutter hatte Bratkartoffeln, die sie ihr zubereitete. Nachdem Essen sagte sie: „Gehst du mit mir raus ans Auto, da gebe ich dir ein Geschenk für deine Mutter als Dank.“ Ich ging mit, sie setzte sich ins Auto, öffnete die Tür und sagte: „Steig ein, steig ein, damit ich dir das Geschenk geben kann.“ Nein ich steig nicht ein, das können Sie mir doch auch so geben, sagte ich. In dem Moment fiel mir ein, dass man uns Kindern immer sagte, wenn die Zigeuner kommen, geht nicht zu nah heran, die nehmen die Kinder mit. In diesem Augenblick kam Hoffmann, Hans über die Brücke, ich rief ihn eilig zu mir und in diesem Augenblick schlug die Frau die Autotür zu und brauste davon. Kein Mensch wusste, woher die Frau kam und warum sie auftauchte. Wer weiß, was mir geblüht hätte, wenn ich eingestiegen wäre.

Ostern 1935 wurde ich in der Grundschule Schlegel eingeschult. Nach der Schule verbrachte ich die meiste Zeit im Freien, denn auf unser Landwirtschaft oder im Dorf gab es immer was zu erleben. So im Alter von ungefähr 10 Jahren kam ich in den Sportverein-Schlegel zu den Ringern und Gewichtshebern unter der Leitung von August Zedler. Mir machte der Sport großen Spaß und so war ich bei den Ringern Kreismeister und Regierungsbezirksmeister in Breslau. Die Urkunden musste ich leider vernichten, weil überall das Hakenkreuz drauf war. Die Athleten hatten einen guten Ruf weit über Schlegel hinaus bis in die Breslauer Gegend. Die Mannschaft holte sich viele erste Preise bei Ringkämpfen und auch in Schlegel selbst wurden viele Siege ausgetragen.

 Sportverein Schlegel, Ringer, der 5te von links Helmut Herden,
Gewichtsheber Helmut Herden, 12 Jahre 
Gewichtheber Helmut Herden, 18 Jahre

1943 habe ich die Schuhmacherlehre bei Meister Rudolf Piefke, Mitteldorf 72 in Schlegel begonnen. Im Herbst 1944 kam meine erste Einberufung. Ich habe sie genommen und weggeschmissen, bald darauf kam eine Zweite, ich dachte, die können mich mal und habe sie wieder ignoriert. Kurze Zeit später kam die Dritte, jetzt ging ich damit zu meinem Chef und fragte, was ich tun solle. „Oh je Helmut, wenn du dich nicht meldest, erschießen die uns Beide.“ Die Russen waren schon ziemlich nahe und wer den Befehlen des Hitlerregims nicht Folge leistete, hatte schwere Strafen oder den Tod zu erwarten. Bald darauf kam die vierte Einberufung. „Jetzt meldest du dich aber“, forderte mein Chef. Also fuhr ich die 16km nach Glatz und ging zum Amt. Als ich die Tür zu einem großen Saal öffnete, herrschte dort ein unsagbares Durcheinander. Überall kleine Kerle (noch Schulkinder), die ihre Berufungen ausfüllten. Da hörte ich wie ein Vater aus einem Nachbarort laut herum schrie: „Ständig kriege ich neue Einberufungen, dabei ist mein Sohn schon ein halbes Jahr an der Front.“ Der Beamte sagte: „Geben Sie her“ und zerriss die Einberufung. Da klickte es bei mir, so ist das, die wissen gar nicht wer an der Front ist und wer nicht. Ich wieder Heim. Jetzt kam die fünfte Einberufung, da hatte mein Chef die Idee, mich bei Herrn Jaschke, unserem Ortsgruppenleiter, der der Partei angehörte, zu reklamieren. Da nur der Chef und ich die Schusterei aufrecht erhielten und Schuhe immer dringend für die Bergleute benötigt wurden, konnte mein Chef mich nicht auch noch entbehren. Als die sechste Einberufung kam, fuhr ich damit wieder nach Glatz. Ich musse mich in der Schneiderbaude melden. Ich wurde gleich für Schießübungen eingeteilt und es stellte sich heraus, dass ich ein sehr guter Schütze war. Ich war ungefähr eine Woche dabei, da kam der Befehl, ich solle mich sofort beim Spieß melden. Oh je, da hatte ich Angst, ich wusste gar nicht, wie man das macht, das einzige, was ich wusste, man musste „Heil Hitler“ sagen. Da sagte der Spieß: „Du Aß, du hast Glück, der beste Schütze wird reklamiert.“ Ich, sofort meine Sachen gepackt und ab nach Hause. Meine Eltern freuten sich sehr, denn mein Bruder Walter war bereits seit Oktober 1942 zum Kriegsdienst abkommandiert worden.

Es war April 1945; da ich alle kannte und immer überall war, sah ich, wie zwei SS-Männer mit einer Leiter an unserem Haus vorbei gingen und beobachtete, wie sie an der Brücke (Bahn oder Fohlerbrücke genannt) Päckchen mit Dynamit befestigten. Ich rief: „Was machen Sie denn da?“ „Die Brücke wird gesprengt!“ Ich Heim zu Papa und ihm das erzählt. Er sagte: „Die Brücke ist wichtig für uns. Gib die Leiter, das lassen wir uns nicht bieten, die mach ich weg.“ Ich hielt die Leiter und Papa auf die Brücke und die Dynamitpäckchen entfernt und vergraben. Ich hatte große Angst, dass uns einer sieht, aber Papa ließ sich nicht beirren. Die Brücke steht heute noch.

Am 8. Mai 1945 hatten die Deutschen den Krieg verloren, da kamen ganze Heerscharen von SS und Militär durch unser Dorf gezogen um in die Tschechei zu fliehen. Zuvor schmissen sie alles, wie Granaten, Panzerfäuste, Gewehre etc. von sich. Überall in den Gräben und im Bach lag dieses Zeug herum. In der Tschechei wurden etliche von ihnen erschossen, da haben sich ganze Massaker abgespielt. Ich, so dumm wie ich war, nahm eine Granate, zog daran, schmiss mich auf den Boden und da ging sie auch schon los. Oh je, ich dachte ich wäre allein gewesen, aber Papa hatte das gesehen und auch Niesel, Walter (was für ein Leichtsinn aus heutiger Sicht).

Bald darauf marschierten die Russen (Tartaren, mongol. Volksstamm) ein. Zuerst kamen die Reiter, dann Wagen an Wagen. Sie verteilten sich überall im Dorf. Vor unserem Haus bauten sie Maschinengewehre auf und schossen die ganze Nacht hindurch Richtung Wald, sie vermuteten dort Partisanen. In den nächsten Tagen durchsuchten sie alle Häuser von Keller bis Dachboden und nahmen mit, was ihnen in die Finger kam. Unsere Haustür machten wir gar nicht mehr zu, denn die Türen, die abgeschlossen waren, wurden von ihnen zerschossen. Überall in der Nachbarschaft hörten wir Hilfeschreie. Die Russen vergewaltigten Frauen und Mädchen, klauten alles was nicht niet und nagelfest war, zudem hatten sie auch noch ein ziemlich niedriges Niveau. Besonders scharf waren sie auf Uhren, wenn sie liefen, nahmen sie diese mit, wenn nicht, schmissen sie sie fort. Ein Russe hatte das Leder vom Pferd (ein Sportgerät vom Sportverein) los geschnitten und kam damit in unsere Schusterei und wollte sofort Stiefel davon haben. Das war nicht möglich, aber wie sollten wir es ihm erklären! Er bedrohte uns mit seinem Maschinengewehr und wir zitterten vor Angst. Ich weiß nicht mehr genau wie die Sache ausgegangen war, aber irgendwie hatte er es wohl eingesehen.

Bevor die Russen wieder abzogen, hatten sie verlangt, das ganze Vieh abzugeben. Wir hatten noch zwei Kühe. Mein Vater sagte: „Helmut nimm die Kuh und geh mit ihr auf den Berg und bleib dort, bis es finster wird.“ Das tat ich dann auch, ich bewachte die Kuh den ganzen Tag, pflückte ihr Büschel Gras und holte Wasser aus dem Steinbruch, damit die Kuh auch ja ruhig blieb. Dies klappte auch am nächsten Tag, aber als ich mich mit der Kuh im Dunkeln auf den Heimweg machte, kam ich nur bis Großmutters Haus und da standen plötzlich die Russen vor mir. Sie befahlen die Kuh sofort zu den anderen Kühen zu treiben, ich hatte große Angst und tat dies dann auch, die Kuh war verloren. Mindestens 100 Kühe standen bereits dort. Bevor die Russen abzogen, trieben sie schon das Vieh weg. Ich war auf dem Weg zur Arbeit, da kam ein Russe auf mich zu und verlangte, dass ich helfe mit vielen Anderen die Kühe fortzutreiben. Wir trieben an diesem Tag die Kühe ungefähr 16Km bis Ober-Königswalde. Die Kühe muhten verzweifelt, sie hatten keine Ruhepausen und wurden auch nicht wie sonst gemolken, bis wir endlich auf einer Wiese rasteten. Auf uns waren die ganze Zeit Maschinengewehre gerichtet. Abends zeigte ich einem Russen, dass ich großen Hunger hätte, er brach mir ein Stück Brot ab, aber in dem Augenblick schoss mir der Gedanke durch den Kopf, heb das Brot erst noch auf, vielleicht nützt es dir noch. Dann sagte ich zu einem Russen, ich müsste dringend mal, er drohte mir: „Dass du ja nicht abhaust.“ Ich sagte nein, nein und zack weg war ich und lief so schnell ich konnte den Berg hinauf bis zu einem Bauernhof. Hier bettelte ich um Herberge für eine Nacht und erzählte von dem Viehtransport und dass die Russen mich sicher nie wieder Heim lassen. Der Bauer sagte, ich könne im Pferdestall schlafen und noch in der Dämmerung des frühen Morgen machte ich mich auf in Richtung Neurode. In der Nähe des Lazaretts traf ich auf eine Frau, die eine weiße Binde um den Arm trug, ich fragte, was sie denn hätte, sie antwortete: „Alle Deutschen müssen jetzt so eine weiße Armbinde tragen, um sich kenntlich zu machen.“ Ich suchte nach meinem Taschentuch, es war zwar nicht weiß, aber ich knüpfte es mir um den Arm und lief weiter Richtung zu Hause. Hier hatte es sich schon herrumgesprochen, dass ich zum Viehtransport bei den Russen abkommandiert war und um so glücklicher waren meine Eltern, als ich unversehrt nach Hause kam. Unser Nachbar war der Richterbauer Franz, er hatte eine Arbeiterin aus der Ukraine auf seinem Hof. Sie erzählte uns, dass die Russen, wenn sie abziehen auch alle Männer mitnähmen. Weil wir gewarnt waren, konnten wir uns rechtzeitig verstecken. Am nächsten Morgen zogen die Russen aus unserer Gegend ab und nahmen tatsächlich die Männer mit. Die Männer wurden bis Breslau getrieben und dort wurden sie aussortiert, die noch zu gebrauchen waren kamen nach Russland in Gefangenschaft, nur die Alten und Schwachen durften wieder Heim. Nachdem sie abgezogen waren, lagen auf den Straßen haufenweise geplünderter Sachen.

Nach den Russen kamen die Polen, sie waren die neuen Besatzer unserer Heimatgebiete. Mein Chef, der Schuhmachermeister Rudolf Piefke, hatte einen Sohn, der auch Rudolf hieß, er war unter dem Naziregim Hitlerjugendführer gewesen. Nun war er in Gefahr und versteckte sich bei Verwandten. Da kamen auch schon die Polen und suchten ihn. Da mein Chef den gleichen Vornamen hatte, nahmen sie ihn mit nach Glatz. Man hörte, dass die Polen dort die Menschen folterten, halb- oder ganz totschlugen. Nach drei Wochen kam mein Chef ins Gefängnis, wo er drei Monate blieb. In dieser Zeit arbeitete ich ganz alleine in der Schusterwerkstatt, dann kam er zurück.

Als ich einmal heimkam, sagte meine Mutter, der Leutnant habe den Hund mitgenommen, er habe zwar dafür ein paar Zlotis auf den Tisch gelegt, aber ich dachte, dass geht doch nicht, der kann uns doch nicht einfach den Hund wegnehmen! Ich wusste, wo der Leutnant wohnte und bin zu ihm hin, habe unseren Hund (er hieß Rolf) zurück auf unsere Landwirtschaft getrieben. Da kam der Leutnant wutschnaubend mit der Reitpeitsche hinter mir her. Der Hund hatte sich vor Angst unter das Sofa gequetscht, aber der Mann holte ihn raus, schimpfte und tobte, was mir denn einfiele und führte unseren guten Rolf winselnd ab. Da der Hund niemals bei dem Leutnant geblieben wäre, hat man ihn nach Warschau geschafft.

Die Polen sahen sich unsere Häuser vom Keller bis zum Dachboden an und wenn ihnen eines gefiel, meldeten sie es dem Amt und waren somit die neuen Besitzer. So kam bei uns ein Pole, stellte sich vor, er wäre der Ignatz und ab jetzt unser Chef. Er nahm sich ein Zimmer und was er wollte, mussten wir ihm bringen. Er war ein widerlicher Mensch und faul. Er verkaufte unser Getreide und unseren Ochsen und gab uns nicht einen Anteil von dem Geld ab. Auch nahm er sich die beste Kohle und als einmal Mutter die wenige Butter, die wir hatten, weil wir nur noch eine Kuh besaßen, teilte, war ihm der Anteil zu wenig. Da packte mich die Wut und ich schmiss die Butter auf den Fliesenboden vor seinen Füßen und sagte: „Da friss deine Butter.“ Mit diesem Mann habe ich sehr viel Krach gehabt. Einmal ist er mit dem Messer auf mich los gegangen, ich sagte: „Komm, komm doch ich schlag dich tot“, da merkte er, dass ich keine Angst vor ihm hatte und legte das Messer wieder weg. Eines Tages brachte Ignatz ein Fräulein mit, sie kam aus Oberschlesien und sprach gut deutsch. Sie sagte, sie wohne jetzt hier und Mutter solle ihr ihre Wäsche und was sie sonst noch so wollte geben. Sie sagte, sie komme aus dem KZ, hob ihre Bluse hoch und zeigte uns ihre Nummer. In dieser Situation sagte ich: „Na, wenn Sie im KZ waren, dann werden Sie‘s wohl auch verdient haben“ . Oh je, sie sagte: „Dies wirst du mir büßen“ und rannte auf die Straße. Nach einer Stunde kam sie zurück und schrie, ich Schwein hätte Glück gehabt, dass die Polizei nicht da war. Ich hatte in dieser Stunde Blut und Wasser geschwitzt, aber es war mir in meiner unbeschreiblichen Wut so herausgerutscht.

Die Polen kamen daher, plünderten uns aus, nahmen uns alles weg, lebten in unseren Häusern, schikanierten und schlugen uns. Wie oft wurde ich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit von Polen, es waren immer mehrere, aufgelauert und verprügelt und nicht nur ich. Nur Betrunkene ließen sie in Ruhe, wahrscheinlich weil sie selber meistens betrunken waren. Das Fräulein wohnte aber nicht lange bei uns.

Wir Deutschen mussten ja nun die weißen Armbinden tragen und als ich mit Opitz, Gehard unterwegs war, kam plötzlich polnische Meliz mit Gewehren und Reitpeitschen auf uns zu und trieben uns Richtung Friedhof. Da war ein Tisch aufgebaut und darum standen polnische Ärzte und Ordensschwestern, da neben ein ausgehobenes Grab mit einem Sarg. Sie gaben mir und dem Totengräber eine Spitzhacke und befahlen den Sarg zu öffnen. Ich zertrümmerte mit der Hacke den Deckel und öffnete ihn. Jetzt verlangte die Meliz, das ich runter steige und den Toten herauf hole. Ich weigerte mich, da sah ich das Gewehr mit dem sie mich schlagen wollten, in dem Moment sprang ich runter. Gerhard hatte Glück, er sollte nur die Seile für den Sarg nach unten schwingen. Das Grab war auch noch mit Wasser gefüllt und jetzt stand ich da und mir blieb jetzt nichts anderes übrig als zu handeln. Ich zog meine Jacke aus, warf sie fort und versuchte den Toten im Genick zu packen, aber das klappte nicht, der Kopf kam, aber der Körper nicht. Da nahm ich allen Mut zusammen, packte den schon zwei Wochen alten Leichnam und zog ihn hoch. Der Tote war Hillmann, Karl, ein alter Mann, man hatte ihn, während von Polen geplündert wurde, erschossen. Jetzt wollte man proforma die Kugel suchen. Der Leichnam wurde von den Ärzten aufgeschnitten, das Herz und die Därme herausgeholt, alles auf polnisch dokumentiert und dann kam der Befehl an die Krankenschwestern ihn wieder zuzumachen. Unter den Schwestern war auch eine Ordensschwester die ich kannte, sie war nicht in der Lage und hatte sich übergeben. Schließlich musste ich irgendwie den Toten zurück in den Sarg hieven. Trotz der Leichenstarre klappte er plötzlich zusammen und plumpste von allein in den Sarg und der Totengräber schaufelte es zu. Ich wollte nun unbedingt im Krankenhaus eine Spritze gegen Leichengift haben, da sagte die Ordensschwester zu mir, das gäbe es nicht, aber meine Mutter solle die ganze Kleidung auskochen und ich solle ein paar Schnäpse trinken. Dieses schreckliche Erlebnis habe ich mein Lebtag nicht mehr vergessen.

Im Winter und Frühjahr 1946 wurden alle Deutschen aus ihrer Heimat vertrieben, nur die Bergleute und ein paar Andere, die von den Polen dringend als Arbeitskräfte benötigt wurden, wie auch mein Chef, mussten bleiben. Man hatte zwar schon von der Austreibung der Deutschen gehört, aber man mochte es einfach nicht glauben, aber es geschah so. Da mein Vater Bergmann und ich Schuster war, brauchten wir auch nicht raus. Die Polen hatten inzwischen die Wohnhäuser besetzt und auch war nicht mehr Herr Piefke mein Chef, sondern ein Pole, der vom Handwerk rein gar nichts verstand. Wir mussten hart für ihn arbeiten und bekamen fast keinen Lohn. Ich sagte zu Herrn Piefke, ich sei noch nicht verrückt und würde mich hier ausbeuten lassen, ich würde aufhören und auf die Grube gehen. Das sagte ich so dem Polenchef und fing auf der Grube an. Ich arbeitete dort fünf Monate Untertage.

In den drei vorhandenen Tanzsälen fand regelmäßig Tanz statt, ich war auch fast immer mit dabei, und bei diesen Tanzveranstaltungen fanden immer fürchterliche Schlägereien statt. So auch an diesem Abend, die Leute kamen schon blutig heraus als ich hinein ging, da ich versuchte mich mit allen gut zu stellen, auch mit den Polen, rief ein Pole: „Helmut komm her“, gab mir Geld und ich solle an der Theke Wodka holen und mich anschließend dazu setzen und mit ihnen trinken. Als ich am nächsten Tag von der Grube nach Hause wollte, versammelte sich eine ganze Horde Polen um mich herum und diese schlugen auf mich ein. Am nächsten Tag beschwerte ich mich bei der Grubenaufsicht und sagte, ich wisse wer es war, die Männer wären alle da unten in den Waschkammern. Er ging zwar nicht mit runter, aber sagte, er wolle sie sich vorknöpfen. Ich kam runter und sagte es ihnen ins Gesicht, dass ich dies gemeldet hätte. Sie ließen mich dann in Ruhe.

Es war mal wieder einmal Tanzabend, auch meine Freundin Flora war dabei, da hingen über der Theke lauter Würste. Oh das war etwas ganz besonderes, ich kaufte einen Kringel Wurst und setzte mich an den Tisch, wo auch andere Deutsche saßen. Sonst waren nur Polen hier. Wir tranken und aßen die Wurst und alles war in Ordnung. Am anderen Tag wurde ich aufgefordert mich sofort bei der Parteileitung zu melden. Oh je, dachte ich, was ist denn los, dort wurde mir eine Predigt gehalten, dass ich tanzen war und dort Wurst gekauft hätte, und wenn ich mir noch einmal erlauben würde den polnischen Staat zu schädigen, würde ich etwas erleben. Ich habe daraufhin lieber keine Wurst mehr gekauft.

Wir hatten einen Bergmann Gebauer, August, er bildete sich ein, er hätte Krebs. Es war schon Herbst und eines Tages war er verschwunden. Ich kam in der Abenddämmerung nach Hause, da sagte mein Onkel zu mir: „Der Gebauer, August hat sich aufgehangen, da oben im Kiefernwald, komm mit ich zeige ihn dir.“ Ich war so dumm und ließ mich überreden und wir steigen den Berg hinauf und da sah ich ihn hängen. Wir gingen wieder Heim und eine Viertelstunde später donnerte es an unserer Tür. Meliz stand dort und forderte mich auf, sie zu dem Toten zu führen, ich wüsste wo dieser wäre, ja der Nachbar hatte das so gesagt und sich nichts dabei gedacht. Es war nun schon dunkel, aber sie zwangen mich trotzdem mit ihnen hinauf zu steigen. Sie trieben mich immer vor sich her und die einzige Taschenlampe, die sie hatten, fiel auch noch aus. Ich tastete mich vor und meinte hier müsse es sein, sie zündeten ein Streichholz an und da sahen wir ihn. Sie befahlen mir am nächsten Morgen zu der Polizei zu gehen um alles zu Protokoll zu nehmen. Ich hatte Angst, sie würden von mir verlangen, dass ich den Toten abschneide, aber dies blieb mir zum Glück erspart.

Nach fünf Monaten wurde ich mit vielen anderen auf der Grube entlassen. Ich bekam danach sechs Monate Arbeit bei den Waldarbeitern, jedoch hatte ich mit dem Förster so meine Probleme. Mein Nachbar, der Herden, Fritz, war Elektriker auf der Grube und bastelte für die Bessergestellten Fahrräder zusammen. Da ich auch einen weiten Weg in die Wälder hatte, baute auch er mir ein Fahrrad zusammen. Eines Abends, das Wetter war schlecht, wollte mein Kollege Georg Artelt mit mir gemeinsam auf dem Rad nach Hause fahren, ich lehnte erst ab, aber dann meinte er, er fährt und ich solle auf der Stange sitzen. Also getan und plötzlich brach das Fahrrad auseinander, wir stürzten und blieben besinnungslos auf der Straße liegen. Zum Glück wurden wir von Flora gefunden. Man schaffte uns ins Krankenhaus, Hände und Gesicht waren offen, und Georg hatte sich die Nase gespalten. Wir mussten geklammert und verbunden werden, da kam die Schwester mit Jod und was ich nicht wußte, ich reagierte allergisch darauf. Als die Schwester mein Gesicht und Hände einpinselte, wurde ich wieder besinnungslos. Am nächsten Tag kam der polnische Arzt, ein richtiger Deutschenhasser. Er riss mit Gewalt die Verbände runter und alles blutete wieder. Dieser hundsgemeine Arzt kam nun jeden Tag, riss die Verbände runter und riss mit einer Zange die frisch gebildeten Krusten ab. Die Schwestern versuchten mit Wasser und Tupfern zu lindern. Nach ungefähr 14 Tagen kam die Schwester und sagte, wir hätten gar keine Krankenversicherung, denn für deutsche Waldarbeiter gab es kein Geld. Nun, da wir das Krankenhaus niemals hätten bezahlen können, sind wir nach Hause abgehauen. Irgendwie wird es die Ordensschwester verbucht haben, wir haben nichts mehr davon gehört.

Als Waldarbeiter konnte man als Deutscher nichts verdienen. Ich musste aber immer mit dem Fahrrad vom Förster 12km nach Hausdorf fahren um dort die Löhne für die Waldarbeiter abzuholen, und diese dann dem Förster übergeben, aber dann schaute er in seine Liste und sagte: „Für Deutsche keine Geld.“

Im Jahre 1948 ging ich dann wieder auf die Grube, mal arbeitete ich Untertage, mal Übertage. Auf der Grube hatten sie einen neuen Direktor Sanecznik, genannt der Schwarze, er war Oberschlesier, sprach perfekt deutsch und hatte die Seiten gewechselt. Dies waren die gemeinsten und gefährlichsten. Da leuchtete er auf mein Koppelschloss und deutete auf die ausgefeilte Stelle (hier war ursprünglich ein Hakenkreuz) und meinte, er wisse was dort gewesen ist, ich sagte: „Jawohl, Sie hatten ja das Gleiche.“ Oh je, da habe ich mir den Mund verbrannt und von da ab schikanierte er mich wo er konnte. Wir mussten bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten und zwei Sonntage war Pflichtarbeit. Nach einer sechs Tage Woche fand immer eine Versammlung mit ca. 10 bis 15 Mann statt und da hieß es, wir schulden dem Staat noch so und soviel Kohle, also arbeiten wir am Sonntag. Ich sagte daraufhin: „Also wenn wir zuwenig arbeiten, dann schmeißen Sie uns doch raus“ und ein anderer deutscher Kumpel meinte: „Wir schuften und schuften und verdienen so wenig, dass man der Frau nicht mal ein Paar Strümpfe kaufen kann.“ Trotzdem mussten wir auch an diesem Sonntag wieder arbeiten. Insgesamt waren 300 deutsche Bergleute auf der Grube und deswegen hatten wir auch einen deutschen Betriebsrat, der kam am nächsten Morgen zu mir und meinte: „Die überlegen was sie mit euch machen, da ihr ja den Mund aufgemacht habt, ihr seit also gegen den Staat, dafür werdet ihr heute am längsten arbeiten.“ Das taten wir dann auch, denn wir hatten schon erlebt, dass sie Bergleute, die aufmüpfig waren, abführten und man sah sie nicht wieder. Da, wo die Arbeit am schlimmsten war, mussten immer die Deutschen rann, so kam es auch, das ich einen Betriebsunfall hatte. Ich arbeitete Untertage in der Förderung und musste die Kohlenwagen füllen und mit einem Haspel (Maschine die mit Pressluft angetrieben wird) weiter ziehen. Der Haspel riss sich los aus seiner Verankerung und stürzte auf mich, da lag ich nun, zerquetschte mir drei Mittelfußknochen, jedoch im letzten Augenblick verhakte er sich in einem Holzstempel und ich konnte mich befreien und um Hilfe rufen. Man holte den Sanitäter und schaffte mich in einem Wagen nach oben. Dort stand der elende Direktor und sagte zu mir: „Du hattest keinen Unfall“, aber der Sanitäter hatte schon einen Krankenwagen bestellt. (Es war schon der dritte Unfall mit dem gleichen Haspel.) Ich kam ins Lazarett nach Neurode wo mich ein Fräulein empfing und obwohl ich nicht laufen, sondern nur auf einem Bein humpeln konnte, musste ich ihr folgen und sie sagte, ich solle mich ausziehen und in der Wanne waschen. Ein weiteres Fräulein kam dazu. Also zog ich mich aus, ich war schwarz von Kohlenstaub, da bat ich um Seife, Antwort: Seife keine, nur so ein Pulver, also gut, ich wusch mich und die beiden schauten dabei zu. Dann bat ich um ein Handtuch, Antwort: Handtuch keine, also war es mir egal, ich ging ins Krankenzimmer zur Behandlung. Am nächsten Tag kam der Doktor und ich fragte ob es üblich sei, dass zwei Fräuleins einem beim Baden zusehen, das war es nicht, beide wurden entlassen. Ich bekam vier Wochen Gips. Während meines Lazarett Aufenthaltes war der Direktor Sanecznik im Büro eingedrungen und entwendete eigenmächtig meine Unterlagen, weil er verhindern wollte, dass meine Verletzung als Betriebsunfall anerkannt wurde. Aber zum Glück kam der Bürovorsteher des Lazaretts mit seiner Sekretärin zu mir ans Bett und nahm den ganzen Unfallhergang noch einmal auf. So bekam ich wenigstens ein halbes Jahr eine Unfallrente. Nach vier Wochen wurde ich nach Hause entlassen und der Schwarze meinte, ich sei schon längst überfällig und müsste morgen wieder arbeiten, obwohl ich noch gar nicht richtig laufen konnte, aber mir blieb nichts anderes übrig.

Auch in den Polenzeit blieb die Sportgruppe erhalten. Jetzt stand Gewichtheben, ausgetragen in Waldenburg gegen die Polen an. Hier in Waldenburg war ein deutscher Betriebsleiter. Ich sprach ihn an und sagte, ich kann nicht mehr, wir arbeiten 16 Stunden am Tag, verdienen kaum Geld und sind restlos ausgezehrt und abgemagert. Da sagte er mir, aber nur mir im Vertrauen: „Wenn du vorschriftsmäßig zum 15. des Monats kündigst und noch 14 Tage arbeitest, müssen Sie dir die Papiere geben. Aber die wollen das nicht und es weiß auch niemand etwas von diesem Recht auf Kündigung.“ Ich wieder daheim, schrieb meine Kündigung und gab sie ab. Was da jetzt los war, ich war der erste Deutsche, der sich erlaubte zu kündigen. Ich musste sofort zum Direktor, er machte mich fertig und meinte, eine Kündigung hätte es bei Hitler auch nicht gegeben. Ich sagte, ich habe ordnungsgemäß gekündigt und ging raus. Ich arbeitete noch die 14 Tage und dann blieb ich einfach zu Hause. Da kam ein Pole und sagte, ich solle sofort zum Schwarzen kommen, der schrie mich an, ich solle unverzüglich wieder auf die Grube kommen und wenn ich das nicht tue, werde ich was erleben. Er brauche nur auf einen Knopf drücken, dann wäre ich in fünf Minuten weg. Das glaubte ich ihm gerne. Am 9.Juli 1953 kam dieser Brief:

Ich ging damit zum polnischen Bürgermeister und fragte: „Können die das mit mir machen?“ er sagte: „Ja, mit deinen Eltern nicht, aber mit dir ja und du kannst dann auch nicht zurück, da du keine Papiere hast, findest du auch keine neue Arbeit.“ Da ging ich zu meinem Freund Julian, ein Pole, der im Haus meiner Tante wohnte. Ich sagte, er müsse für mich einen Brief ans Ministerium nach Krakau schreiben, damit ich meine Papiere kriege. Er schrieb mir den Brief unter großer Angst, dass niemand erfährt, dass er mir geholfen hat. Da Julian beim Förster arbeitete, setzte er sich dafür ein, dass ich wenigstens Arbeit im Wald bekam, denn keine Arbeit haben, war einfach unmöglich.

Wieder kam ein Pole und sagte zu mir, ich müsse unverzüglich zum „Schwarzen“. Er schrie mich an: „Du verfluchtes Schwein hast einen Brief ans Ministerium nach Krakau geschrieben, die Papiere kriegst du nicht!“ Ich kehrt und raus. Am 24.10.1953 kam der zweite Brief:

Da ich beim Förster kein Geld verdienen konnte, wollte ich lieber im Steinbruch arbeiten, aber dafür brauchte ich Papiere. Ich sprach mit dem Förster und er war bereit mir Entlassungspapiere zugeben. Ich habe die Arbeit auf der Grube nicht wieder aufgenommen. Jedoch musste mir Julian unter großer Verschwiegenheit noch einmal einen Brief nach Krakau schreiben. Mit den Papieren vom Förster, musste ich dann aufs Amt nach Glatz fahren, um mir eine Überweisung für den Steinbruch ausstellen zu lassen. Ich hatte Glück, das Fräulein war noch ein wenig müde, nahm meine Entlassungspapiere und stellte dann wäre ich in fünf Minuten weg. Schnell griff ich danach, bedankte mich recht herzlich und weg war ich. Denn hätte sie gelesen, dass ich nur zwei Monate im Wald gearbeitet habe, hätte ich die Überweisung nicht bekommen. So konnte ich jetzt Arbeit im Steinbruch kriegen. Allein die Tatsache, dass ich hier nur bis Samstagmittag arbeiten musste und Sonntag ganz frei hatte, war für mich eine große Errungenschaft.

Einige Zeit später kam ein Pole und sagte, ich solle sofort zum Betriebsleiter kommen, oh! dachte ich. Da stand er vor mir und überreichte mir die Papiere von der Grube, ich bedankte mich und hatte nun gesiegt. Jetzt hatten auch andere den Mut zu kündigen. Mein Vater hat als erster älterer Bergmann gekündigt, um in Rente zu gehen. 1953 durfte er in den Ruhestand, er war bis dahin 40 Jahre Bergmann gewesen.

Nach all den Jahren hat-ten wir die Schikane von unserem Polen Ignatz so satt. Papa war krank und ich musste mit Mama die ganze Ernte allein rein holen, weil der Pole zu faul war. Da beschloss ich, wir ziehen aus. Ich sprach zu Ignatz: „Wir ziehen aus“, „Ja zieht nur aus“, sagte er, „die Möbel gehören alle mir, die habe ich mir schon beim Amt registrieren lassen.“ Ich ging zum Amt und tatsächlich hatte er dies getan. Ich dachte, warte, be-sorgte mit ein paar Kumpel und einen Wagen und wir luden unsere verbliebenen Möbel auf und zogen dann ins Haus Niederdorf Nr.255, Schlegel ein, dies war im Jahr 1951. 

Den Auszug aus unserem Haus hat man mir lange übel genommen, wie ich das meinen Eltern antun konnte, denn man hoffte ja immer, das irgendwann die „Polen-Besatzerzeit“ ein Ende hätte. 

Einmal saß ich mit einem Polen zusammen und wir tranken einen 1 /4 Liter Wodka und erzählten über Schlesien, dass die Deutschen um ca.1200 das Land besiedelten und urbar machten. Während wir uns unterhielten bemerkte ich, dass da irgendjemand am Zaun stand und uns belauschte. Es war tatsächlich so, wir wurden wegen unserer Unterhaltung angezeigt, konnten uns aber wegen des Alkoholkonsums rausreden. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die ich erzählen könnte.

Meine Freundin Flora kannte ich schon ein Leben lang, da wir zusammen als Nachbarskinder aufwuchsen. Beim Tanz 1949 kamen wir uns näher und die Liebe begann zu wachsen. Am 11. September 1954 heirateten wir standesamtlich um Anspruch auf eine Wohnung zu haben. Im Frühjahr 1955 bekamen wir eine Wohnung. Ich habe von 1953 bis Ende April 1957 in einem Steinbruchbetrieb gearbeitet, der zur Gemeinde Schlegel gehörte und vor der Polenbesatzerzeit Eigentum von August Niesel (Fohler Nr.6) und Ernst Richter war. Der Rotsandstein kam zur Weiterverarbeitung in einen Betrieb in Wünschelburg, wo die Steine gesägt wurden. Im Jahre 1956 auf 57 war ein so strenger Winter, minus 35°C, dass ein Arbeiten im Steinbruch unmöglich war. Wir gingen zum Direktor und sagten ihm, wir könnten bei -35°C nicht mehr arbeiten, er lag noch im Bett, sprang auf sah auf sein Thermometer und sagte: „Es sind nur minus 30°C, also wieder rann an die Arbeit.“ Die Socken waren in unseren Gummistiefeln fest gefroren. Weil es so kalt war, kaufte ich mir ein paar Filzstiefel, hierfür musste ich einen ganzen Monatslohn opfern.

Kirchliche Trauung von Flora Buhl und Helmut Herden am 30. April 1955 in Schlegel 

Am 30. April 1955 heirateten wir kirchlich in der kath. Pfarrkirche St. Katharina zu Schlegel. Da es vorher längere Zeit geregnet hatte, habe ich in Glatz zur Hochzeit ein Taxi bestellt. Es kam auch, was nicht selbstverständlich war und so fuhren wir „Das Brautpaar“ im Auto langsam voran und der Hochzeitszug von 30 Gästen lief bis zur Kirche hinterher. Es war ein schöner, sonniger Tag und ein polnischer Fotograf war auch bestellt. Aber leider haben wir fast keine Bilder, denn der Fotograf legte den vollen Film daheim hin und sein Sohn legte ihn erneut in die Kamera um den Maiumzug zu fotografieren. Unsere Bilder waren dahin.

Erst ab 1951 bekamen die Deutschen mehr Rechte. Ich arbeitete vier Jahre im Steinbruch und inzwischen war es möglich eine Aussiedlung nach Westdeutschland zu beantragen, allerdings brauchte man hierfür unbedingt die Genehmigung des Direktors. Ich habe mit dem Di-rektor gesprochen und er fragte: „Helmut wo willst du denn hin, zu den Kommunisten oder den Kapitallisten?“ Ich sagte, zu den Kapitallisten. „Gut“, sagte er, „dann unterschreibe ich sofort, denn bei den Kommunisten ist die gleiche Scheiße wie hier, da könntest du gleich hier bleiben.“ Nun beantragten meine Eltern und ich die Ausreisegenehmigung. Als es soweit war, fuhr ich mit Papa nach Breslau um sie dort abzuholen. Eine riesige Men-schenschlange stand am Schalter und wir befürchteten, dass wir heute nicht mehr dran kämen. Da rief der Schalterbeamte: „Wer kann das hier übersetzen?“ Da ich inzwischen recht gut polnisch konnte, meldete ich mich und wir durften nach vorne durchgehen. So bekamen wir doch noch an diesem Tage unsere Pässe und konnten auch den Zug nach Schlegel noch kriegen. Jetzt benötigten wir nur noch einen Lastwagen und da nur die Grube einen besaß, fragte ich dort an, ich glaubte es kaum, aber man borgte ihn mir.

Am 27. Mai 1957 war es soweit, wir siedelten aus. An der Grenze legte ich Geld in die Pässe, der Zollbeamte nahm die Pässe, klappte sie auf und rief: „Einladen, einladen“ und ab! Es waren zwölf bittere Jahre, die schlimmsten in meinem Leben!