Wenn Enkelkinder fragen: „Oma/Opa, wie war das mit der Vertreibung?“ Wer kann noch antworten? Wie erlebte Sylvia Zapf, geb. Gräfin Pilati von Thassul zu Daxberg das Kriegsende? Geschichten von der Vertreibung, die wir teils selbst erlebt haben, oder die uns die Eltern und älteren Geschwistern erzählten.

Liebe Leser, die Vertreibung war unmeschlich und grausam. Unsere Großeltern, Eltern und älteren Geschwister haben ihre Sehnsucht nach ihrem idyllischen Dorf Schlegel im Glatzer Bergland trotz Neuanfang in ihrer neuen Umgebung nie verloren. Doch Grausamkeit, Hass und Unmenschlichkeit ist keine Eigenschaft bestimmter Völker, sondern des Menschen an sich. Tausende junger Frauen und Männer wurden in Russland, der Ukraine und weiteren Ländern aus ihren Familien gerissen und als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt.

Nie herrschte in einem so langen Zeitraum Frieden in Europa und wir tragen mit unserer Heimatgemeinschaft einen winzigen aber wichtigen Teil zur Völkerverständigung bei. Zwischen den alten und neuen Bewohnern von Schlegel ist bis auf wenige Ausnahmen die Versöhnung erfolgt.

Vor allem die Jugend in Polen ist unzufrieden mit der dortigen politischen Entwicklung; sie ist uns gegenüber aufgeschlossen und neugierig auf die früheren Bewohner von Schlegel. Wir möchten mit den folgenden Beiträgen nichts anderes bezwecken, als die verschiedenen Erlebnisse der Vertreibung an unsere Nachfahren weiterzugeben.

Frau Sylvia Zapf schreibt:

„Ich bin ein Teil von allen, denen ich begegnet bin.“ A. Lord Tennyson 1809-1892 

Der Beginn meines Seins – mein Fundament ist in Schlegel! Durch viele Zeilen, die das Leben schrieb, hat es bis jetzt gedauert, wieder Kontakt zur Schlegeler Heimatgemeinschaft, zu Ihnen und Euch, zu finden.

Hochgepriesen sei Elisabeth Zöllner mit all Ihren Mitstreitern, die durch detektivische Kleinstarbeit den Kontakt gesucht…gefunden..und bis zur Stunde auf Schlgeler Art pflegt! Danke – danke für die liebevolle Aufnahme in der Schlegeler Heimatgemeinschaft! Die Jahre von 1946 – 2014 verblassen nicht, aber ich empfinde es als Gnade, nahtlos an unsere Trennung 1946 anschließen zu dürfen.

Margarita,Johann-Friedrich,Sigward,Sylvia

Die Erinnerung ist wach!

Nach der Evakuierung aus dem Schloss lebten wir die letzten Wochen und Monate im sogenannten Onkel Max-Haus. Wir: meine Eltern Johann-Baptist und Ilse Pilati, meine Amama-Margarethe Pilati, wir 4 Kinder Margarita, Johann-Friedrich, Sylvia und Siegward und unsere Hauslehrerin Fräulein Boenisch.

Sigward,Johann-Friedrich,Margarita,Sylvia

Soweit unser gemeinsames Erleben!

Die Tage im November 1946 haben viele von Euch sicher in ähnlicher Erinnerung: Um 6:00 Uhr Kommando: in 10 Minuten Abmarsch – der unendliche Fußmarsch nach Glatz – Das Zwischenlager auf morastigem Schulhof und Turnhalle – die Verladung in Viehwaggons mit unseren letzten Habseligkeiten – alles in der Ungewissheit…wie lange—wohin?? Dann – nach 8 Tagen – Ankunft in Köthen – Lager – 3-fach Stockbetten – Krankheiten!

Nun kommt die Trennung von unseren Schlegelern! Ich werde nie die Worte meines Vaters vergessen: Ich bin ein Teil von Schlegel..und …wir werden die letzten sein, die das Dorf verlassen! Mein Vater und ich erkrankten im Lager schwer an Typhus und wurden ins Lazarett velegt. Sehr plötzlich wurden wir dann aus dem Lager entlassen – aus Angst vor weiteren Seuchen oder nur weil wir eine Adresse in Köthen angeben konnten? Mein Onkel Oskar – Papas Bruder – lebte in Hamburg und hatte eine Firmen-Kontaktadresse in Köthen. Ein Ungar, den wir dort vorfanden, hatte bereits die ganze „Habe“ veruntreut und so hatten wir – nur für eine Nacht – einen winzigen Unterschlupf. Bis zum 24.12.1946 lebten wir auf der Straße von Kartoffelschalen und den Abfällen anderer.

Ich weiß nicht, wie es mein Vater geschafft hat: Er fand einen Fährman, der uns in der Heiligen Nacht mit der Fähre über die Werra brachte! Am anderen Ufer – englische Zone – liefen wir gleich den Engländern in die Arme! Wir waren nur noch im Besitz von 5 Rucksäcken und die waren fast leer. Die Engländer ließen uns laufen – ein Weihnachtsgeschenk?! Noch in der gleichen Nacht erreichten wir Lich bei Gießen in Hessen. Die dortige Brauerei Ihring Melchior-Lich hatte einen Gasthof. Wir klopften an…..und es ward uns aufgetan – noch ein Weihnachtsgeschenk! Die Familie Ihring nahm uns auf – bei Eis und Schnee! Liebevoll umsorgt mit einem Teller Weihnachtsplätzchen und einer Wärmflasche verbrachten wir die Nacht im Hause Ihring. Am nächsten Morgen gaben sie uns einen Leiterwagen, um die 5 Km durch den Wald nach Kloster Arnsburg leichter zu bewältigen. Kloster Arnsburg – die Ruine eines alten Zisterzienserklosters: Dort gab es einige wenige Einwohner, darunter eine hochbetagte, liebenswerte Prinzessin Reuß – eine ausgelagerte Frauenklinik und ein Waisenhaus mit einer einklassigen Volksschule. Dort lebten wir, gingen zur Schule und durften jeden Tag einen Blechtopf Suppe im Kinderheim holen. Ansonsten lebten wir vom Ährensammeln, von Bucheckern und sonstigen Früchten von Feld und Wald!

Meine Mutter nähte Pelzschuhe aus Karnickelfellen und strickte warme Pullover. Mein Vater hätte, etwa ein Jahr später, einen Pachtbetrieb in Württemberg übernehmen können – zur Überbrückung half er einem Herrn beim Bau seines Hauses. Am 23. September 1947 wurde er – bei dieser Tätigkeit – in einer Sandgrube bei Gumbach/Gießen verschüttet!

So brach die Welt erneut zusammen!

Meine Mutter konnte Anfang 1949 im Auftrag der Inneren Mission ein Altersheim für Flüchtlinge und Vertriebene errichten. Es bot sich ein Solmsches 3-flügeliges Schloß in Hungen/Lich an. Es stand bis auf den Mitteltrakt leer – doch von der Wanzenvergasung bis zur Aufnahme der Flüchtlinge gab es viel zu tun. Diese Aufgabe hat meine Mutter mit viel Liebe und im Bewusstsein der Verantwortung für uns Kinder und natürlich auch der ihr anvertrauten Flüchtlinge und im Gedenken an unseren lieben Papi gemeistert! Nach erheblichen gesundheitlichen Schwierigkeiten gab sie Ende der 50er Jahte die Leitung dieses Hauses ab, um noch einige Jahre ein kleineres Johaniter-Seniorenheim in Schloss Elmischwang bei Augsburg zu übernehmen. Wir Kinder waren in dieser Zeit verteilt in Internaten und bei Freunden. Nur Siegward konnte einige Jahre zu Hause sein. Unsere Mutter verbrachte Ihre letzten Jahre bei meiner Schwester Margarita in Altenmarkt/Alz, wo sie 1982 starb.

Meine Geschwister leben leider alle nur noch in meiner Erinnerung: Margarita + 2000, Johann-Friedrich + 2006, Siegward + 2012. Aber sie leben in ihren Familien weiter. Auch leben sie heute ein wunderbares Miteinander, wofür ich unendlich dankbar bin. Ein wenig traurig bin ich allerdings, dass nur ich alleine das Glück einer Wiederbeburt mit meinen Schlegelern erleben darf.

Zum Schluss komme ich noch einmal auf Lord Tennyson zurück: „Es ist besser, Liebe empfunden und Verlust erlitten zu haben, als niemals geliebt zu haben!“

Liebe Grüße und Gottes Segen Ihre/Eure Sylvia Zapf, geb. Gräfin Pilati von Thassul zu Daxberg