Wenn Enkelkinder fragen: „Oma/Opa, wie war das mit der Vertreibung?“ Wer kann noch antworten? Geschichten von der Vertreibung, die wir teils selbst erlebt haben, oder die uns die Eltern und älteren Geschwistern erzählten.

Liebe Leser, die Vertreibung war unmeschlich und grausam. Unsere Großeltern, Eltern und älteren Geschwister haben ihre Sehnsucht nach ihrem idyllischen Dorf Schlegel im Glatzer Bergland trotz Neuanfang in ihrer neuen Umgebung nie verloren. Doch Grausamkeit, Hass und Unmenschlichkeit ist keine Eigenschaft bestimmter Völker, sondern des Menschen an sich. Tausende junger Frauen und Männer wurden in Russland, der Ukraine und weiteren Ländern aus ihren Familien gerissen und als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt.

Nie hatten wir einen so langen Zeitraum Frieden in Europa und wir tragen mit unserer Heimatgemeinschaft einen winzigen aber wichtigen Teil zur Völkerverständigung bei. Zwischen den alten und neuen Bewohnern von Schlegel ist bis auf wenige Ausnahmen die Versöhnung erfolgt.

Vor allem die Jugend in Polen ist unzufrieden mit der dortigen politischen Entwicklung; sie ist uns gegenüber aufgeschlossen und neugierig auf die früheren Bewohner von Schlegel. Wir möchten mit den folgenden Beiträgen nichts anderes bezwecken, als die verschiedenen Erlebnisse der Vertreibung an unsere Nachfahren weiterzugeben.

Unsere Vertreibung  
Horst Gebauer                                                                                                                                      Landwirtschaft in Schlegel, Mitteldorf, Kleine Seite 64. Eltern: Hedwig Gebauer, geb. Rother, 23.12.1906. Adolf Gebauer, 28.09.1897. Kinder: Annelies, 11.05.1928. Paul, 01.10.1929.  Martha, 16.03.1931- gest. an Typhus am 10.09.1931. Erna, 17.05.1932. Georg, 22.03.1934. Berthold, 21.05.1937. Horst, 19.03.1942. 

Vater Adolf war im 1. Weltkrieg in Mazedonien und im 2. Weltkrieg am Polenfeldzug beteiligt. Nach kurzer Zeit wurde er von der Wehrmacht freigestellt, weil er zusammen mit seinem Sohn Paul den nachbarlichen Hof des gefallenen Landwirtes Georg Richter bewirtschaften musste. Er war an der Errichtung von Panzersperren beteiligt. Während der letzten Kriegsmonate fuhr er täglich mit dem Fahrrad als Wehrmachtskurier zwischen Glatz und Silberberg.

Im Herbst 1945 wurde unsere Landwirtschaft von aussiedelnden Polen übernommen.  Sie zogen ins Erdgeschoss und unsere gesamte Familie einschl. Großvater August Rother wurde in den oberen Räumen (1 großes Zimmer und eine Kammer) untergebracht.

Ein Ereignis, das mir meine Schwester Annelies erzählte: Im Juli/August 1945 wurde auf Initiative von Günter Anlauf ein Treffen von jugendlichen Schlegelern auf dem Kirchberg arrangiert. Er spielte auf dem Schifferklavier(so nannte man früher das Akkordeon) und die Jugendlichen u.a. unsere Annelies tanzten dazu. Nach ca. 1,5 Stunden wurde das Treffen von plötzlich auftauchenden, um sich schießenden Polen zerschlagen. Die deutsche Gruppe wurde eine Nacht eingesperrt und zwischendurch geschlagen. Ende Januar 1946 wurde unsere Vertreibung per Aushang bekannt gegeben. Nach persönlicher Aufforderung mussten wir am 26.02.1946 gegen 17:00 Uhr innerhalb von einer Stunde unser Haus verlassen. Es durften ausschließlich Bekleidung und Papiere mitgenommen werden. Der Treffpunkt aller zu diesem Zeitpunkt Vertriebener war das Gasthaus „Steiner“, in dem früher viel gefeiert und getanzt wurde. Meine Schwester Erna hatte sich eine Mandelentzündung zugezogen und sollte eigentlich zu unserer Tante Frieda und unserem Onkel Hermann Herzig nach Eckersdorf gebracht werden, sie blieb aber über Nacht im Haus und wurde am nächsten Morgen ebenfalls zu „Steiner“ gebracht. Der Großvater August Rother wurde aus Altersgründen bei seiner Tochter Frieda Herzig in Eckersdorf untergebracht.

Von unserem Aufenthalt im Gasthaus „Steiner“ ist mir eine Szene als knapp 4-jähriger in ewiger Erinnerung geblieben: Ein älteres Ehepaar wurde von einem polnischen Soldaten wiederholt befehligt: „Auf!“ „Nieder!“. Das Pärchen musste abwechselnd aufstehen und sich niederknien. Die Ansammlung fand die gesamte Nacht statt. Am Morgen setzte sich der Treck von ca. 1000 Schlegelern in Bewegung. Unser Pfarrer hat dabei die Glocken geläutet. Während des Fußmarsches in Richtung Glatz kam es wiederholt zu Gewalttaten gegenüber Schlegelern. U.a. wurde der Gastwirt Müller geschlagen. Ein Bürger wurde in Eckersdorf in ein Gasthaus gezerrt, geschlagen und gehunfähig auf ein Fahrzeug geworfen. In Glatz wurden wir in einem riesigen Gebäude ohne Fenster untergebracht. Dort verbrachten wir 3 Tage und Nächte zusammengepfercht auf dem Fußboden. Die Tür war verschlossen, kein WC vorhanden. Ein Eimer machte die Runde und wurde von Männern geleert, sobald die Tür zwecks Personenkontrolle geöffnet wurde. Nach 3 Tagen wurden wir in Viehwaggons verfrachtet; 35 Personen pro Waggon, die von außen verschlossen wurden. Plötzlich öffneten 2 polnische Bewacher die Tür zu unserem Waggon und zogen Papas Rucksack mit unseren Papieren, Wertsachen (Geburtsurkunden etc.) heraus. Unterwegs wurde der Zug auf einem toten Gleis abgestellt. Einige Männer begaben sich in ein nahegelegenes Dorf und erbettelten Kartoffeln. Zwischen den Gleisen wurde ein Feuer entfacht und von vorhandenen Mitteln Suppe gekocht.

Am 04.03. übernahmen uns die Engländer in Mariental. Dort desinfizierte und entlauste man uns. Wir wurden unter eine Art Duschen gestellt, aus denen Desinfektionsmittel herausströmte.

Am 05.03.1946 kamen wir in Aurich/Ostfriesland an.  Wir wurden auf Lastwagen nach Ardorf transportiert, in der Gaststätte Toben versammelt und an verschiedene Bauern verteilt. Meine Muttel und ich wurden beim Bauern Toben untergebracht, der Papa und mein Bruder Berthold zu 2 verschiedenen Bauern, während alle anderen Geschwister einzeln in verschiedene Familien verteilt wurden. Einige von uns hatten es sehr gut und die Verbindung bestand noch nach Jahrzehnten, andere wiederum wurden unwürdig und erniedrigend behandelt, so verschieden halt die Charakteren sind. Was mag wohl in den Köpfen unserer Eltern vorgegangen sein, die in Schlegel ein zivilsiertes Leben führten, geachtet und respektiert waren, und nun von einigen behandelt wurden wie Abschaum; abgesehen davon, dass sie kulturell und in ihrer Bildung oft weiter waren als die Einheimischen.

Mein damals 17-jähriger Bruder Paul erfuhr durch einen Herrn Rambaski aus Schlegel, dass der Kali-Schacht Siegfried Giesen bei Hildesheim Arbeitskräfte suchte und begann im Sommer 1946 dort seine Tätigkeit als Bergmann. Im Herbst 1946 folgte ihm dann der Papa und wurde ebenfalls Bergmann. Annelies erhielt 1947 im April eine Stelle als Haushaltshilfe in Oberursel, während die Muttel mit uns weiteren Kindern in eine Baracke in Ardorf zog. Im Herbst 1947 zogen auch wir auf den Kali-Schacht nach Siegfried Giesen, wo wir 9 Jahre in einer Werksbaracke wohnten und anschließend in ein Eigenheim in Sarstedt zogen, wonach jedes der Geschwister anschließend unterschiedliche Existenzen aufbaute. Außer mir lebt nur noch mein Bruder Berthold.

Horst Gebauer                                                  

Ein weiterer Bericht am 09.Mai 2019 von Klaus Seipel, früher Landwirtschaft auf dem Oberberg.

Hallo liebe Heimatfreunde, gestern rief mich meine Schwester Herta, geb. 1930, an: „Weißt du eigentlich, was am 8. Mai vor 74 Jahren war und was wir in Schlegel an dem Tag gemacht haben?“

Kriegsende, viele Ereignisse; als sechsjähriger wußte ich nicht viel, aber von  einigen Erlebnissen möchte ich Euch berichten.

Herta ist mit ihrer Freundin Alice Denzin, geb. Winkler, u. vielen Schlegelern  auf den Kärchlabarg(Kirchberg)  gelaufen, dort wurde eine Messe in der  Kapelle zum Kriegsende gehalten u. die Glocken zum erhofften Frieden geläutet . Die Freude über das Kriegsende war am nächsten Tag, als  die  Russen   einmarschierten, schon bald vorbei. Ich, der kleine Zwerg, saß  auf  einem  Ackerwagen auf unserem Hof und ich habe die großen Panzer und die  vielen Panjewagen mit den schönen kleinen Pferden bestaunt. Die Russen  haben uns Kinder auf die Panzer gesetzt und es gab auch Schokolade, also   für uns Kinder waren sie keine Feinde.       Als die Russen nach einigen Tagen abgezogen waren, kamen die Polen und der Frieden war beendet. Zum Teil wohl auch  berechtigt, was die Nazis  in   Polen u. in der halben Welt alles angerichtet hatten. Es gibt nach über 70 Jahren immer wieder Ereignisse, die wie ein Film bei   mir ablaufen und die ich bis heute nicht ohne Emotionen erzählen kann.

1.  Ereignis war der 8. Juni 1945 an meinem 7.  Geburtstag, als alle Kühe  von Schlegel an unserem Hof Richtung Ebersdorf vorbeigetrieben wurden und irgendwo verladen und geschlachtet wurden.   Eine von unseren Kühen kam an unsere Stalltür, unser  Onkel hat sie   reingelassen, ein polnischer  Treiber  hat das gesehen und sie sofort wieder aus dem Stall geholt. Eine Kuh und einen Ochsen durfte jeder Bauer behalten, aber dabei hat er unseren Ochsen, meinen besten Freund, den Heinze auch noch aus dem   Stall gejagt.  Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so geschrien und geweint wie an diesem Tag.

2. Ereignis: unsere Mutter wird am 04 .Dezember 1945 von der polnischen  Miliz nach Eckersdorf ins Gefängnis gebracht.

Anbei dazu den Bericht von  Alice Denzin:   Viele kleine Begebenheiten könnte ich erzählen. Eine, die mich und die Seipel`s bis heute noch bewegt, möchte ich aufschreiben: Es war um die Zeit von Nikolaus. Mein Pflichtjahr hatte ich auf dem Hof von Frau Kintscher von 1944 bis 1945 absolviert. Als sich die Polen bei Frau Kintscher reingesetzt hatten, musste ich dort weiterarbeiten. So habe ich noch immer das Bild vor Augen: Auf dem Hof von Seipel`s war ein fürchterlicher Aufstand. Ich lief über die Brücke und sah ein Pferdegespann, auf dem Frau Seipel stand und wie Johanna auf dem Scheiterhaufen gestikulierte. Alle vier Kinder, Herta 15, Eleonore 12, Klaus 7 und die kleine Ingrid 4 Jahre alt, schrien laut und rannten ein Stück hinterher! Einfach schrecklich! Die Miliz hatte Frau Seipel abgeholt. Der Vater war noch vermisst. Herta erzählte mir, die Polen hätten behauptet, Frau Seipel habe die Lederriemen von der Dreschmaschine gestohlen. Deshalb wurde sie für 3 Tage nach Eckersdorf hinter vergitterte Fenster gebracht. Diese polnische Milizstation zieht uns noch immer magisch an, besonders den Klaus: Mama hinter Gittern!

3.  Ereignis: Die Vertreibung 27. März 1946.

Unsere Mutter ist mit uns 4  Kindern nach Ebersdorf zu ihren   Geschwistern geflüchtet, damit wir bei der Vertreibung zusammenbleiben,  Vater war noch vermisst. Hier hatten wir noch großes Glück, der Pole, der auf dem Hof von Onkel Max  Kimmel war, hat uns und einige Leute aus Ebersdorf mit dem Pferdewagen nach Glatz gebracht. Im Finanzamt haben wir dann eine Nacht irgendwo im Treppenhaus gelegen. Am anderen Morgen wurden wir zur Verladung zum Bahnhof in die  Viehwaggons getrieben, immer ca. 30 Personen, Toilette war ein alter  Blecheimer für 7 Tage bis Friedland. Von dort mit dem Personenzug nach   Nienburg an der Weser. Die Tommys haben uns dann mit Lastwagen wie   Vieh nach Winzlar am Steinhuder Meer gebracht. Auf dem Hof vom   Bürgermeister Auhage wurden ca. 450 Vertriebene abgeladen und wie   Vieh versteigert. Mutter mit 4 Kindern wollte keiner haben. Beim 1. Bauern  Wilkeninck, wo wir einquartiert werden sollten, sind wir nach 5 Minuten   wieder rausgeflogen. Zigeuner können wir hier nicht gebrauchen. Nach 7 Tagen im Viehwaggon sahen wir wohl auch nicht besonders frisch aus.

Für den Bürgermeister war es auch nicht einfach, in einem kleinen Dorf   von ca. 750 Einwohnern 450  Vertriebene unterzubringen. Die meisten Einheimischen waren auch nicht über die Situation informiert, wo kommt ihr her und warum seid ihr dort weggelaufen. Ich hoffe, dass ich Euch mit einem Bericht, was  vor über 74 Jahren mal  geschehen ist, nicht  auf den   Wecker  falle ?

Viel  Grüße   aus  Neustadt,  Klaus .