Frau Tereza Bazala, Präsidentin der Stiftung, zu der auch das Wittighaus gehört, stellte die Frage: wie ist die Heimatgemeinschaft Schlegel entstanden?

 

Anfang Juli 2017 verbrachte ich mit einem Freund einige Tage in Schlegel. U.a. trafen wir uns im Wittighaus mit Sabina Zawada, Tochter von Hildegard Zawada(Pelz Hilde) und Frau Tereza Bazala, Präsidentin der Stiftung zur Erneuerung der Region Neurode, zu der auch das Wittighaus gehört, das jetzt ein Wittig-Museum ist und auch über Fremdenzimmer verfügt.                         Im Laufe Besuch im Wittighaus (7)unseres Gesprächs bat mich Frau Bazala, einen Bericht über die Entstehung der Schlegeler Heimatgemeinschaft 1980 e.V. zu schicken. Sie möchte diesen Bericht in deutscher und polnischer Sprache in einem monatlich erscheinenden Magazin „Glatzer Bergland“ veröffentlichen. Das ist ein Magazin mit Beiträgen in Polnisch und Deutsch(Siehe Foto). Ich versprach ihr, mich drum zu kümmern.

Wer lange nicht in Schlegel war, wird sich wundern, wie sehr die jetzigen Bewohner an der deutschen Geschichte vor der Vertreibung interessiert sind.

 

Zuhause angekommen, setzte ich mich mit unserem Vorstandsmitglied Dr. Horst Stephan in Verbindung , der den folgenden Bericht schrieb und den wir an Frau Sabina Zawada weiter  leiteten., die in derartigen Angelegenheiten immer unsere Ansprechpartnerin ist.  Sie übersetzte ihn in Polnisch und so erschien er in beiden Sprachen im Magazin: „Ziemia Kłodzka“ -„Glatzer Bergland.“

Im März/April erschien der Beitrag im Magazin „Glatzer Bergland.

 

Wie entstand und existiert sie, die Heimatgemeinschaft Schlegel 1980 e.V.

Von Dr. Horst Stephan

„Heimat“ ist für viele Menschen Ort der Identität, Ort der Kindheit und Jugend oder des ganzen Lebens. Aus der Heimat vertrieben zu werden, gleicht deshalb einer Tragödie. Dies widerfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg auch Bewohnern des Ortes „Schlegel“ im Alt-Kreis Neurode. So mussten am 24. Februar 1946 etwa 1.000 Einwohner ihren Lebensort verlassen. Sie kamen nach Ostfriesland/Norddeutschland. Das wiederholte sich am 3. November, als ca. 1.500 Menschen aus Schlegel vertrieben wurden und nach Köthen/Sachsen-Anhalt gelangten. Am 19. August 1948 ging ein Transport mit etwa 100 Bergmännern und ihren Familien nach Zwickau/Sachsen. Doch schon im Juli 1948 kamen auch Bergarbeiterfamilien und andere Personen, z. B. nach Kirchberg ins Erzgebirge. In Schlegel blieben etwa 200 Personen, Bergleute mit ihren Frauen und Kindern zurück. Sie durften erst 1956/57 ausreisen. Für die Kinder wurde 1950 eine deutschsprachige Grundschule eingerichtet.

Fern ihrer Herkunft und oft ungewisser Zukunft, riss der Kontakt unter den gebürtigen Schlegelern nicht ab. Deshalb kam es bereits 1952 zu einem „Neuroder Heimattreffen“ in Castrop-Rauxel (seit 1953 Patenstadt) und 1978 zu einer „Schlegeler Kirchweih-Wallfahrt“ in Velbert-Neviges. Beides Impuls, am 3. Mai 1980 die Heimatgemeinschaft Schlegel 1980 e.V. in Velbert-Tönisheide zu gründen. Ziel der „Satzung“ (1981/1996) ist es: den Heimatgedanken zu pflegen; das heißt, Kulturgut (Bilder, Bücher, Pläne, Urkunden) zu sammeln, heimatkundliche Arbeiten zu fördern, eine Personenkartei zu führen, Heimattreffen zu veranstalten sowie Kontakte zu „Stupic“ zu suchen und zu pflegen. Diese Zielsetzung führte bald zu zahlreichen Aktivitäten. So fand schon im Sommer 1980 eine Heimatfahrt mit einem Gottesdienst in St. Katharina statt. Die Initiatoren waren Georg Hoffmann und Max Stephan, der 1. Vorsitzende des Heimatvereins. Ihn unterstützten im Vorstand: Richard Hauck, Arno-Moritz Thienelt, Andreas Borkert, Bianca Wittig, Horst Gebauer und Klaus-Dieter Rolle. Sie drängten darauf, die als Kopie (Druckfahne) in den Westen „gerettete“ Chronik der Gemeinde Schlegel von Prof. Dr. Joseph Wittig zu bearbeiten. Dies übernahm Horst Stephan, so dass das Geschichtswerk 1984 veröffentlicht werden konnte. Großen Anklang fanden die zweijährigen Heimattreffen im Wallfahrtsort Neviges und in der Stadt Velbert von 1978 bis 1992 und 1998. Eine schmerzhafte Zäsur entstand, als am 4. Februar 1989 Max Stephan, der 1. Vorsitzende, starb. August Hähnel übernahm 1990 dieses schwierige Amt und führte es erfolgreich weiter. Dazu zählen seine Schrift „Schlegel in Wort und Bild“ (1996; ins Polnische übersetzt) sowie in Zusammenarbeit mit Horst Stephan der „Ergänzungsband zur Chronik der Gemeinde Schlegel“ (2000). In die Amtszeit von August Hähnel fällt auch die Renovierung der Pfarrkirche St. Katharina. Das Projekt wurde von der Heimatgemeinschaft Schlegel finanziell unterstützt – und von Horst Gebauer als Fachmann begleitet. Dies ergab, mit Pfarrer Jerzy Czernal eng zu kommunizieren und Kontakte zu vertiefen. Zu betonen ist, dass sich der Heimatverein auch für die Renovierung und Ausstattung des Hauses Joseph Wittigs in Neusorge einsetzte. Eine Tafel von 1992 mit dem Hinweis „Priester – Professor – Dichter“ (1879 – 1949) ist dafür Beleg. Auf positive Resonanz in den 1990er Jahren  stieß bei den ehemaligen Schlegelern auch das Vorhaben, die zerstörte Bergkapelle auf dem „Allerheiligenberg“ wieder aufzubauen. Bei deren Konsekration im Juli 1997 konnten sich davon 50 angereiste Heimatvertriebene und Gäste überzeugen. Das wiederholte sich bei Heimatfahrten 1998/99. Doch Höhepunkte aller Begegnungen waren das 10. und 11. Treffen 1994/96 in Zwickau/Sachsen. Zum Treffen 1994 kamen ca. 500 Personen, um sich über ein Wiedersehen nach 40jähriger Trennung zu freuen. Dies motivierte, im Jahre 2000 „20 Jahre Heimatgemeinschaft Schlegel 1980 e.V. zu feiern.

Nach dem Tode von August Hähnel am 15. 6. 2000 übernahm Elmar Feige im gleichen Jahr die Regie des Vereins. Sein Herzenswunsch war es, die Heimatgemeinschaft Schlegel zu festigen. Dazu trugen seine Rundbriefe zu Weihnachten und Ostern bei. Sie enthielten Vereins-Mitteilungen und Erinnerungen, konkrete Erlebnisse aus der Zeit der Vertreibung und des Neuanfangs im Norden Deutschlands. Das führte dazu, im April 2008 im Ort Strackholt (Ostfriesland) eine Gedenktafel anzubringen. Sie sollte an die Vertreibung im Februar 1946 aus Schlegel erinnern und vor Krieg warnen. Eine andere Aktivität initiierte, dass 2008 ein Dorfplan von Schlegel entstand; Lorenz Zenker und Elisabeth Zöllner hatten sich dafür eingesetzt. Damit konnte man viele Häuser und deren ehemalige Bewohner identifizieren. Bedeutsam für die Heimatgemeinschaft war das Jahr 2010. So fand im Juni eine Busreise in die Grafschaft Glatz und Schlegel statt, um Lebensort der Eltern und Großeltern aufzusuchen. Im August 2010 schloss sich ein großes Heimattreffen in Köthen/Sachsen-Anhalt an. Im Mittelpunkt stand die Einweihung eines Gedenksteins mit einer Tafel, die die Vertreibung von 1500 Menschen im November 1946 aus Schlegel aufzeichnete. Das Besondere der Gedenkstätte: Sie besteht aus rotem Sandstein eines Schlegeler Steinbruchs. Zum 19. Schlegeler Kirchweihfest und Bergquartal trafen sich im August 2012 34 Vereinsmitglieder (wieder) in Telgte. Trauer begleitete das Heimatfest. Elmar Feige hatte es organisiert, verstarb jedoch am 6. Juli 2012 in der Stadt Norden. Das zwang in Telgte zu Neuwahlen. Einstimmig wurde Horst Gebauer zum 1. Vorsitzenden der Heimatgemeinschaft gewählt. Anlass war zugleich, einen Bildband über das Dorf Schlegel und seine Bewohner (bis 1946) zu präsentieren. Das umfangeiche Werk, zwei Bände mit Fotos und Texten (2012/2014), hat Elisabeth Zöllner mit ihren Töchtern Daniela und Verena Zöllner erarbeitet; Lorenz Zenker verantwortete Dorfplan und Grafik. Diese eindrucksvolle Dokumentation weckte großes Interesse. – Die innere Verbundenheit mit dem ehemaligen Lebensort Schlegel wird durch monatliche „Familiennachrichten“ im „Grafschafter Boten“ gestützt; Christine Simon erfüllt diese Aufgabe. Auch die seit 2012 von Horst Stephan neugestalteten Heimatbriefe sind informativ und erinnern an alte schlesische Bräuche und Feste.

Der Vorsitzende der Heimatgemeinschaft Horst Gebauer intensiviert die Vereinsarbeit. Er richtete ein Internetportal ein, so dass der Leser über historische, aber auch aktuelle Themen, wie z.B. den Tourismus in der Region Słupic – Nowa Ruda und andere Neuigkeiten erfährt. Ein besonderes Anliegen von Horst Gebauer ist es, junge Menschen für die Heimatarbeit zu gewinnen – und Kontakte zu den heutigen Bewohnern der einstigen Heimat zu suchen und zu pflegen. Bemerkenswert ist, dass der Vorsitzende des Heimatvereins die längst vergriffene Chronik der Gemeinde Schlegel von Prof. Dr. Joseph Wittig neu gestalten und drucken ließ; Reiner Attig hat den Text von 1983 digitalisiert. Dies stieß bei den 180 Vereinsmitgliedern und anderen Interessenten auf viel Lob. – Zum 22. Kirchweihfest und Bergquartal am 16. Juni 2018 sind die Schlegeler und Gäste wiederum in Köthen/Sachsen-Anhalt eingeladen.