„Was haben wir an Schlesien verloren?“

 

Vortrag vor dem Studienkreis Grafschaft Glatz im Haus Schlesien am 28.10. 10.00 Uhr  von unserem Vorstandsmitglied Arno-Moritz Thienelt.

 

 

Sie haben mich eingeladen einen Vortrag zu halten unter dem Stichwort:

„Was haben wir an Schlesien verloren.“

Vor 30 Jahren hätte ich wahrscheinlich auf diese Anfrage den Kopf geschüttelt und die Meinung vertreten, wir müssen nach Vorn schauen. Immerhin war ich mit 10 Jahren nicht allzu lang in Schlegel, meinem Geburtsort.

Der Westen war zu meiner neuen Heimat geworden.

Heute, im Alter, spüre ich stärker die Wurzeln meiner Herkunft, meiner Vorfahren, meiner alten Heimat. Aber wie es vielen Vertriebenen wohl geht, so auch mir, besteht kein Wunsch, zurück in die Grafschaft Glatz nach Schlegel zu ziehen. In Schlegel hat sich ernorm viel verändert, so dass es nicht mehr das Dorf meiner Kindheit ist, zumal wir heute den Vorteil und die Möglichkeit haben, jederzeit ohne Probleme  in unsere alte Heimat zu reisen.

Vor zwei Jahren war ich nochmal mit meiner Familie, meinen Kindern und 3 Enkeln mit insgesamt 12 Personen zu Besuch in der Grafschaft Glatz und im Riesengebirge, der Heimat meiner Frau. Es war für mich erstaunlich, wie offen ich die Menschen in der alten Heimat vorfand und wie ordentlich,  aufgeschlossen und modern, sich mir heute die Orte und Städte offenbarten. Beeindruckt war ich auch, wie westlich alles angehaucht war. Im Gegensatz dazu wurde der Eindruck in meinem Heimatort stark getrübt. Das lag sicher daran, dass die Erinnerung mit der heutigen Realität für mich nicht in Einklang zu bringen war. Beim Spaziergang mit meiner Familie durch die frühere Ortsmitte, empfand ich sehr viel Wehmut, als ich die alten verwitterten Gebäude sah, die zu meiner Kindheit die Ortsmitte darstellten. Schnell wurde ich von unserer ortsansässigen Begleitung darauf hingewiesen, dass die heutigen Bewohner von Schlegel einen anderen, neuen Teil des Ortes als Ortsmitte empfinden. Immerhin ist Schlegel mit ca. 4000 Einwohnern eines der größten Dörfer in der Grafschaft Glatz gewesen. Heute wohnen ca. 10.000 Einwohner  in Schlegel. Das hat natürlich gewaltige Veränderungen herbeigeführt. Darum ist es heute nicht mehr das Schlegel meiner Kindheit, zu welchem ich mich hingezogen fühle.

Nun zum Tagesthema:

Was haben wir an Schlesien

verloren ?“

Sehr viel, eigentlich Alles, unsere heimische Mundart, unser Brauchtum, unsere eigne Scholle, die Gräber mit unseren Verstorbenen, die wunderbare Landschaft, ein Teil Vaterland und unseren Rechtsanspruch.
Schlesien als Eichenblatt mit der Oder als Teilungselement war strukturell sehr vielfältig mit einer reizvollen Landschaft.

Die Schlesier  sind sehr bodenständig, gradlinig, arbeitsam und sparsam gewesen. Große Dichter und Denker, Nobelpreisträger Künstler und Sportler sind aus Schlesien hervorgegangen.

Herbert Hupka hat sie in seinem Werk verewigt und gewürdigt.

Zwei bedeutende Persönlichkeiten darunter sind in Schlegel geboren. Professor Dr. Josef Wittig, Theologe, religiöser Volksschriftsteller und Chronist der Stadt Neurode und von Schlegel.

 

Professor Wilhelm Hausschild, Kunstmaler, der nicht nur die 16 Kreuzwegstationen auf dem Schlegeler Kirchelberg gemalt hat, sondern unter König Ludwig II. in den Schlössern Linderhof, Herrenchiemsee und Neuschwanstein berühmte Gemälde geschaffen hat.

Schlesien ist reich an Bodenschätzen. Kohlevorkommen in Oberschlesien in Waldenburg, in Neurode einschließlich in unserem Dorf Schlegel. Auch die Waldwirtschaft war sehr umfangreich.

Der landwirtschaftliche Teil von Schlesien war sehr bedeutsam und galt als Kornkammer Deutschlands. Berühmt und gern besucht waren die vielen Heilbäder wie die Bäder : Altheide, Charlottenbrunnen, Landeck, Kudowa, Reinerz, Salzbrunn und Warmbrunn, um nur die bekanntesten zu nennen.

Die Grafschaft Glatz galt als der Herrgottswinkel Schlesiens. Nicht nur unserer Volksschriftsteller Josef Wittig, auch viele andere Schriftsteller haben den Herrgottswinkel in ihren Werken in den Mittelpunkt gestellt. Unter den vielen Kirchen , Kapellen und Klöstern ist besonders die Wallfahrtskirche von Albendorf als Basilika und Nachbildung der Grabeskirche von Jerusalem zu erwähnen. Viele Pilger aus Schlesien und der angrenzenden Tschechoslowakei haben die Muttergottes zu Albendorf angebetet und verehrt.

Der Glatzer Gebirgsverein hat  mit seinen Sektionen in allen größeren Orten nicht nur für Einheimische,  sondern auch für den Tourismus sehr viel bewegt und die Wanderungen in den Gebirgsgegenden bekannt gemacht, stark ausgebaut und gefördert. Die Schneekoppe war sommers wie winters das beliebte Ausflugs- und Sportziel der Berliner und Breslauer Bevölkerung.   1937  war das große Sängerfest in Breslau. Hier kamen die Sänger aus ganz Deutschland zusammen. Wie wenig man eigentlich über Schlesien und Breslau wußte, konnte man daran ermessen, dass mancher Besucher nach Breslau mit einem Deutsch-Polnischen Wörterbuch anreiste, weil man sich  wohl nicht sicher war, ob alle der Deutschen Sprache mächtig waren.

Hervorheben sind besonders die vielfältigen Spezialitäten, die manche Orte bekannt und auch über die Grenzen Schlesiens hinaus berühmt gemacht haben: Die Kristallglasfabriken und Kristallschleifereien, die Bunzlauer Tonwaren oder Tippel, der Wein aus Grünberg, Neißer Konfekt, Liegnitzer Gurken und Bomben, der Streuselkuchen, der Mohnkuchen und Mohnstollen, das Gericht „Schlesisches Himmelreich“, die Schlesische Brat- und Wellwurst, und überhaupt das „Schlesische Schweineschlachten“, um nur einige der bekanntesten herauszustellen. Was zu damaliger Zeit auch wichtig war, jeder größere Ort hatte seine eigene Brauerei, wenn nicht sogar mehrere. Das Bier wurde ja frisch getrunken, da die Kühlung und Haltbarkeit nur über Natureis zu erreichen war.

Auch Granit und Sandstein  sind Bodenschätze, die in Schlesiens Steinbrüchen gewonnen und Deutschlandweit begehrt waren und verbaut worden sind.

 

Was haben meine Eltern, meine Familie, was habe ich verloren.

Das zu berichten beginnt mit der Geschichte „Max und Moritz“!

Max und Moritz waren zwei Brüder. Max war Brauer und Moritz Destillateur. Max hatte eine über 300 Jahre alte Brauerei von seinem Vater geerbt und betrieb diese sehr erfolgreich in Schlegel. Moritz lernte den Beruf Destillateur in Glatz und ging nach der Lehrzeit nach Jauer und Breslau und war weiter auf Wanderschaft. Schließlich verdingte er sich bei der Weinbrennerei und Likörfabrik Gebrüder Macholl in München. Eines Tages erhielt er von seinem Bruder in Schlegel den Vorschlag, den zur Brauerei gehörenden Brauerei-Ausschank in Schlegel als Pächter zu übernehmen. So zog er mit seiner Familie mit zwei kleinen Jungen im Oktober 1907 von München nach Schlegel und übernahm dort die Brauereigaststätte. Wieder zurück an seinem Geburtsort zog es ihn in seiner Freizeit hinaus in die schöne Natur.  Schlegel liegt in einer herrlichen Mittelgebirgslandschaft, dem Eulengebirge und ist von schönen Wäldern umgeben. Als Destillateur interessierte ihn nicht nur die Flora, sondern besonders die herrlichen Waldfrüchte, die dort in rauen Mengen vorkamen. Besonders angetan hatten es ihm die Brombeeren, die in der Grafschaft allgemein als „Kroatzbeeren“ bekannt waren. Im Brauerei-Ausschank hatte er sich ein Labor eingerichtet, wo er seine hausgemachten Liköre für seine Gäste herstellte. Angeregt durch die Vielzahl der Kroatzbeeren experimentierte er so lang, bis er mit seinem Ergebnis zufrieden war und eine neue Spezialität für seine Gäste zur Verfügung hatte. Er nannte sie einfach: Thienelt`s Echte Grafschaft Glatzer Gebirgskroatzbeere“. Bald merkte er, dass ihm ein besonderer Schachzug gelungen war, denn seine neue Likörkreation erfreute sich bald großer Beliebtheit bei seinen Gästen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Gaststätte zu einem wahren Genußtempel. So war es nicht verwunderlich, dass immer häufiger Reisebusse aus Breslau und angrenzender Städte in Schlegel halt machten und in der Gaststätte von Moritz Thienelt einkehrten. So kam es nicht selten vor, dass die Damen der Gesellschaft fröhlich die Echte Kroatzbeere, die so köstlich wie Himbeerwasser mundete,

reichlich zu sich nahmen und sich dann allerdings wunderten, welch Wirkung der Genuß mit sich brachte. Sobald sie die Gaststätte verließen, um zum Bus zu gelangen, merkten sie an der frischen Luft, dass ihre Knie plötzlich ihren Dienst zu versagen pflegten. So wurde manche Heim- bzw. Weiterfahrt mit großem Gelächter betrieben und die Herren der Schöpfung hatten alle Hände voll zu tun ihre Damen auf die Sitzplätzen zu verfrachten. Auch die umliegenden Wirte und Kollegen bekamen schnell mit, welche Erfolgsstory meinem Großvater gelungen war und wollten an diesem Erfolg partizipieren. So mußte mein Großvater schnell neue Räume für die Herstellung seines Erfolgsrezeptes Echte Kroatzbeere anmieten, um dem Bedarf gerecht zu werden. In weiser Voraussicht kaufte er auch gleich ein Grundstück mit einem großen Doppelwohnhaus sowie einer großen Scheune und einem entsprechenden Gartenareal auf der Konsumstraße in Schlegel. Auf diesem Grundstück wurde dann 1937 ein neues modernes Fabrikgebäude errichtet für die Herstellung von Likören und Spirituosen. So entstand die „Feinschnapsfabrik zur Echten Kroatzbeere“. Hier wurden die „Echte Kroatzbeere“, der „Schüttboden“, ein Herrenlikör auf Kümmelbasis, die Spezialität „Kuß mit Liebe“ sowie diverse andere Liköre und Spirituosen hergestellt. Der Bekanntheitsgrad dieser Spezialitäten weitete sich rasch aus und war bald nicht nur in ganz Schlesien sowie Ostdeutschland, sondern auch in den Großstädten von Westdeutschland ein Erfolg. Noch vor Ausbruch des 2. Weltkrieges waren unsere Produkte bereits in Berlin, Leipzig, Hannover, Frankfurt/Main, Düsseldorf und Essen vertreten. Eine weitere Ausdehnung mußte aus Kapazitätsgründen zurückgestellt werden. Der Ausbruch des Krieges machte weitere Expansionspläne zu Nichte, obwohl für zukünftige Neubaupläne bereits Ackerland erworben war. Die Produktion wurde jedoch bis Kriegsende mit weiblichen Arbeitskräften und Invaliden aufrecht erhalten. Die Flaschen wurden nun in einfacherer Kriegsausstattung für die Bevölkerung gegen Abgabe von Abschnitten der Lebensmittelmarken an den Handel verteilt. Der wichtigste und größte Teil der Herstellung galt der staatlich verordneten Wehrmachtslieferung.

Das Ende des Krieges änderte schlagartig das Leben in unserm Dorf.

Denn nach Einzug der Russen war die Welt in unserem an sich beschaulichen Ort dramatisch aus den Fugen geraten. Frauen, Mädchen und Kinder wurden möglichst versteckt gehalten, soweit sich das überhaupt ermöglichen ließ. Nun begann die Plünderungswelle und sogenannte Säuberung aller Naziverdächtigen. Das mach Unschuldiger darunter war, spielte dabei keine Rolle. Auch unsere Fabrik wurde aufgesucht, um nach Alkohol in unterschiedlicher Form zu suchen. Gott sei Dank hatte mein Vater am Vorabend 30 Fässer mit je 300 Litern unverarbeitetem Alkohol im Gully verschwinden lassen. Kaum Auszudenken was sonst passiert wäre. Sein beherztes Handeln war auch für ihn mit Risiken behaftet, da es sich ja um Wehrmachtseigentum handelte. Unbeobachtet ist die Entsorgung auch nicht geblieben. Der Kanal endete, wie das früher üblich war, im örtlichen Dorfbach und hier entwickelte sich eine alkoholhaltige Dunstglocke, die vor allen Dingen ortsansässige und ausländische Arbeitskräfte mobil gemacht hatte. Mit allerlei Kannen bewaffnet, versuchten diese den Alkohohl wieder aufzufangen. Daher mußte die Aktion abgebrochen werden. Mein Vater hat dann die Vernichtung in der Nacht durchgeführt.

Nach 2 bis 3 Wochen wurden die Russen durch Polen als Besatzer abgelöst. Nun wurde das Leiden der Bevölkerung noch mal drastisch erhöht. Jetzt erfolgte nicht nur die 2, radikalere Plünderungswelle, sondern die Bevölkerung wurde zusätzlich noch aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Damit erlosch jegliches kulturelles Leben in der Dorfgemeinschaft und die Angst und Sorge um Zukunft und das eigene Leben griff um sich.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Ich erinnere mich, wie ich als 10 Jähriger im Februar 1946 mit meinen Eltern nach dem sonntäglichen Kirchgang aus dem Kirchportal heraustrat und dort im Kreis anderer Kirchgänger meine Eltern hinter vorgehaltener Hand entsetzliche Nachrichten erzählt bekamen. In Eckersdorf und anderen benachbarten Dörfern seien die Einwohner nachts geweckt und am Dorfplatz zusammen getrieben worden mit dem Ergebnis, dass sie zu Fuß nach Glatz laufen mußten, wo sie weiter deportiert werden sollten. Alle Kirchgänger waren bedrückt und entsetzt und konnten sich diesen ungeheuren Vorgang kaum vorstellen. Am 24. Februar 1946 war es dann auch in Schlegel Realität geworden. 1000 Einwohner mußten den Ort in Richtung Glatz in eine unbekannte Zukunft verlassen. In Viehwaggons verfrachtet sind sie nach tagelanger Ungewißheit, wohin die Fahrt sie überhaupt führen wurde, am 5. März in Aurich / Ostfriesland angekommen, wo sie alles andere als Willkommen waren. Mein Vater wurde als Arbeiter für den polnischen Verwalter unserer Fabrik noch gebraucht, daher ereilte uns das Schicksal der Vertreibung erst am 2.November 1946 mit weiteren 1.500 Einwohnern aus unserem Ort. Unser Transport landete als erster am 7.11.1946 in der Sowjetisch besetzen Zone. Hier wurden wir im Auffanglager in Köthen-Anhalt zunächst untergebracht. Nach längerem Aufenthalt erfolgte dann die Zuweisung auf verschiedene Unterkünfte in Köthen und Umgebung. Damit waren alle gewachsenen und persönlichen Verbindungen, die in unserem Dorf Schlegel bis Ende des Krieges Bestand hatten, nicht mehr vorhanden, denn alle Bewohner waren in alle Himmelsrichtungen verstreut untergebracht worden und wußten auch oft nicht, wo ihre nächsten Verwandten, Nachbarn oder Freunde gestrandet waren. Damit ist auch zugleich das soziale Netzwerk gekappt worden. Es ließ sich auch nicht wieder aufbauen. Jetzt hatte jeder andere Sorgen und kämpfte ums Überleben. So war ein für alle Mal die Basis für das gesellschaftliche Leben unserer Dorfgemeinschaft ausgelöscht. Die Menschen fühlten sich hilflos, allein gelassen und  in der Fremde, obwohl sie sich auf deutschem Boden befanden.

So waren nicht nur Freunde, Nachbaren und auch Verwandte, auseinandergerissen, sondern auch die vielen gesellschaftlichen Vereine, wie die Sängerschaften, die Laienspielgruppen, die Turnvereine, der Radsportverein und der Glatzer-Gebirgs-Verein. Alles hatte sich im nichts aufgelöst. Jeglicher kulturelle Schatz war mit der Vertreibung aus unserer Heimat zu diesem Zeitpunkt für immer und unwiederbringlich verloren gegangen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.